Die Jerry-Cotton-Filme
Einführung:
Situation der deutschen Kinoszene in den 1960er Jahren
Bis 1956 konnten Verleiher und Produzenten in
Deutschland kontinuierlich steigende Kinobesucherzahlen verbuchen.
In jenem Jahr aber zogen erstmals dunkle Wolken am Horizont auf.
Einerseits waren die Zuschauer den immer gleichen Filmstoffen,
wie z.B. den Heimatfilmen, langsam überdrüssig, andererseits
machte sich langsam ein neues Medium, das Fernsehen, auf, das
Publikum zu erobern. Als einen der ersten großen Verleiher
mußte der Allianz-Filmverleih in München die Segel streichen,
Man verkaufte zwar schnell noch die eigene Wochenschau, die
"Welt im Bild", an die wiedergegründete UFA, aber auch
das half nichts mehr.
1959 hatte man rund 145 Millionen zahlende Zuschauer gegenüber
1956 eingebüßt. In dieser Situation schlossen sich im Februar
1960 acht Großverleiher und drei Filmproduzenten (Artur Brauner,
Kurt Ulrich, Walter Koppel) bei einem "Geheimtreffen"
in München zusammen, um ein "Gagenkartell" zu gründen.
Die Höchstgage für deutsche Topstars sollte bei 100.000,- DM
liegen. Die deutsch(sprachigen) Kinostars wurden in
Preiskategorien eingestuft, die betroffenen Schauspieler erfuhren
dies aus der Zeitung...Nach dem Willen von Verleihern und
Produzenten waren die zehn Topverdiener demnach Ruth Leuwerik,
Lilli Palmer, Liselotte Pulver, Nadja Tiller, Caterina Valente, O.W.
Fischer, Curd Jürgens, Hardy Krüger, Freddy Quinn und Heinz
Rühmann, die jeweils 100.000,- DM pro Film verdienen sollten.
Das Projekt war jedoch von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Nicht zuletzt waren es Produzenten wie Brauner selbst, die mit
Starproduktionen wie Der Tiger von Eschnapur/ Das indische
Grabmal oder Menschen im Hotel die Gagen der Stars
in die Höhe trieb.
Die neugegründeten bzw. wiedergegründeten Filmproduktions/Verleihgesellschaften
Bavaria und UFA waren von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Die Bavaria rettete sich mit Hilfe des Fernsehens in eine
Atelierbetriebsgesellschaft, die UFA wurde mit der finanziell
soliden Filmhansa zur UFA-Filmhansa (und scheiterte bereits nach
nicht einmal zwei Jahren). In Hamburg trennten sich die Wege der
REAL-Gründer Walter Koppel und Gyula Trebitsch. Koppel versuchte
mit seiner REAL weiterhin Kinofilme zu produzieren (und
scheiterte letztendlich), Trebitsch kooperierte mit dem Fernsehen
und machte Studio Hamburg zu einer der größten
Produktionsgesellschaften Europas. Nacheinander gingen nun viele
früher erfolgreiche Filmverleihe in den Konkurs. Die NF (Neue
Filmverleih) in München geriet u.a. mit der Prestigeproduktion Bomben
auf Monte Carlo (mit Eddie Constantine) in finanzielle
Schwierigkeiten. Die Hauptdarstellerin Marion Michael erlitt bei
einem Verkehrsunfall schwere Verletzungen und fiel monatelang aus.
Den Ausfall mußten die NF und die berliner Produktionsfirma Arca
tragen. Die NF ging schließlich in Konkurs (als Nachfolger war
dann einige Jahre der Nora-Filmverleih tätig), die Arca konnte
sich nur durch finanzielle Hilfe von Hans Oppenheimer, einem
Freund des Arca-Chefs Gero Wecker, retten. Auch der Union-Filmverleih
in München mußte die Segel streichen. Der Prisma-Filmverleih,
zwischenzeitlich im Besitz von Constantin-Chef Waldfried Barthel,
dann an Preben Philipsen abgegeben, wurde 1961 vom neuen Rialto-Produktionschef
Horst Wendlandt abgewickelt. Die Rialto arbeitete danach mit der
Constantin zusammen. 1962 meldete die UFA-Filmhansa Konkurs an,
es folgte wenig später der Europa-Filmverleih in Hamburg.
Letztendlich blieben von den großen Filmverleihern der 1950er
Jahre nur zwei übrig: Ilse Kubaschewskis Gloria-Filmverleih und
die Constantin, beide in München beheimatet.
In diesen Krisenzeiten waren es zwei Serien der berliner Rialto-Film
des dänischen Filmkaufmanns Preben Philipsen, die eine
Erfolgsgeschichte schrieben: die Edgar-Wallace-Filme (1959-1972)
und die Karl-May-Filme (1962-1966 [bzw. 1968, wenn man die
Brauner-Produktion Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten hinzunimmt]).

Hans E. Schons, Sylvia Pascal, George Nader
Die Jerry-Cotton-Filme
1962 hatte ein britischer Geheimagent namens James Bond seine Visitenkarte abgegeben. Die beiden ersten Filme, James Bond jagt Dr. No und Liebesgrüße aus Moskau, waren in Deutschland recht erfolgreich, der dritte Film der Serie Goldfinger ein sehr großer Kassenerfolg (wobei in Goldfinger der titelgebende Bösewicht namens Gert Fröbe seinen Anteil hatte). Was lag also näher, auch hierzulande die Abenteuer eines Agenten zu verfilmen? Die Wahl fiel auf den Groschenheft-Romanhelden Jerry Cotton. Die Krimiserie "Jerry Cotton" wurde seit 1954 in Romanheften des Bastei-Verlages herausgebracht. Die Constantin beauftragte den Produzenten Heinz Willeg, der mit der (West-)berliner Allianz-Film sowie wechselnden in- und ausländischen Produktionsfirmen die Filme herstellte. Die ersten vier Filme wurden in schwarz-weiß gefilmt, ab Fall Nummer fünf (Der Mörderclub von Brooklyn) wurde in Farbe gedreht. Die Außenaufnahmen entstanden bis zu Der Mörderclub von Brooklyn vor allem in Hamburg, ab Dynamit in grüner Seide (Fall Nr. 6) wurden die Außenaufnahmen meist in West-Berlin hergestellt. Die Innenaufnahmen wurden bis Fall Nr. fünf im Studio Hamburg hergestellt, danach im Filmstudio Tempelhof in Berlin. In alle Filme wurden Aufnahmen aus den USA eingeschnitten, die ein Aufnahmeteam (allerdings ohne die Schauspieler) gedreht hatte. Man versuchte, die Produktionskosten möglichst niedrig zu halten. Dies kann man vor allem auch bei den verwendeten Filmtricks sehen. Die Rückprojektionsaufnahmen wirken heute arg simpel- geben den Streifen allerdings auch einen gewissen Charme. Die Titelmusik ("Jerry-Cotton-Marsch") zur Filmreihe stammte aus der Feder von Peter Thomas, der Komponist viele Wallace-Filme (u.a. Der Hexer) und der TV-Serie Raumpatrouille. Alle Filme der Reihe wurden nachsynchronisiert. Schüsse aus dem Geigenkasten, Die Rechnung- eiskalt serviert und Der Mörderclub von Brooklyn wurden vermutlich im Studio Hamburg bearbeitet. Mordnacht in Manhattan und Um Null Uhr schnappt die Falle zu dürften in einem Berliner Studio nachsynchronsiert worden sein. Die letzten drei Filme der Reihe, Dynamit in grüner Seide, Der Tod im roten Jaguar und Todesschüsse am Broadway wurden im Filmstudio Tempelhof (Berliner Union Film) bearbeitet. Die Produktionskosten für alle acht Filme lagen knapp unter 10 Mio. DM. Die Zuschauerzahlen gingen kontinuierlich zurück; eine geplante neunte Verfilmung mit dem Titel "Nummer Eins wird abserviert" kam nicht mehr zustande.
Übersicht der Filme:
Fall Nummer 1: Schüsse aus dem Geigenkasten
Fall Nummer 2: Mordnacht in Manhattan
Fall Nummer 3: Um Null Uhr schnappt die Falle zu
Fall Nummer 4: Die Rechnung- eiskalt serviert
Fall Nummer 5: Der Mörderclub von Brooklyn
Fall Nummer 6: Dynamit in grüner Seide
Fall Nummer 7: Der Tod im roten Jaguar
Fall Nummer 8: Todesschüsse am Broadway
Die Darsteller:
George Nader als Jerry Cotton

(19. Oktober 1921, Pasadena/ Kalifornien - 4. Februar 2002, Woodland Hills/ Kalifornien)
Nader macht bereits während seiner Schulzeit Schauspielerfahrungen am "Pasadena Playhouse". In den 1950er Jahren bekommt er einen Filmvertrag von Universal, bei der er einige Filme dreht (Klar Schiff zum Gefecht oder auch Wem die Sterne leuchten). Doch zur großen Filmkarriere reicht es nicht. Nader wechselt zum Fernsehen, wo er u.a. die Serie Shannon klärt auf dreht (die in Deutschland in den Regionalprogrammen lief; Naders deutsche Stimme war Holger Hagen). Doch auch dieser Karriereabschnitt verläuft nicht nach Wunsch. 1965 bekommt er dann das Angebot, den FBI-Agenten Jerry Cotton zu spielen. Nader sagt zu und erlangt in Deutschland Popularität. Doch nach Abschluss der Serie kann er an den Erfolg nicht mehr anknüpfen. Er spielt noch in einigen Folgen von US-TV-Serien wie FBI und zieht sich nach einem schweren Autounfall Mitte der 1970er Jahre wg. eines Augenleidens von der Filmerei zurück. George Nader hat sich schon früh zu seiner Homosexualität bekannt; er hatte angeblich ein Verhältnis zu seinem Kollegen Rock Hudson und zu dessen Sekretär Mark Miller. Dieses für damalige Zeiten ungewöhnliche Outing ist für seine Karriere wenig förderlich. U.a. war Universal natürlich bemüht, seinen Star Rock Hudson vor homosexuellen Enthüllungen zu "schützen". Nach Beendigung seiner Filmkarriere wendet sich Nader dem Schreiben von Science-Fiction Geschichten zu. Sein 1978 veröffentlichter Roman "Chrome" sorgt für Aufsehen; es ist eine Geschichte mit eindeutig homosexuellem Inhalt. George Nader wurde in den ersten vier Cotton-Filmen von Heinz Engelmann gesprochen, in Der Mörderclub von Brooklyn war es Harald Leipnitz, danach sprach Gert Günther Hoffmann den Hauptdarsteller.
Heinz Weiss als Phil Decker

(12. Juni 1921, Stuttgart)
Heinz Weiss wird im zweiten Weltkrieg schwer verwundet und widmet sich nach dem Krieg der Schauspielerei zu. Er spielt zunächst Theater, u.a. in Augsburg. Seinen großen Durchbruch hat Weiss als deutscher Kriegsgefangener Clemens Forell in dem TV-Mehrteiler So weit die Füße tragen (Regie hat Fritz Umgelter, der später auch den ersten Cotton-Film Schüsse aus dem Geigenkasten inszenieren wird). Es folgen Auftritten in Kinofilmen wie Strafbataillon 999 (1959), Der grüne Bogenschütze (1961) oder Nur der Wind (1961). Nach Abschluß der Cotton-Serie spielt er die Hauptrolle in der TV-Serie Graf Luckner (ab 1973), später ist er Kapitän auf dem ZDF-Traumschiff. 1999 wird ihm aufgrund einer nie ganz ausgeheilten Kriegsverletzung das rechte Bein abgenommen, seitdem sitzt er im Rollstuhl. Heinz Weiss lebt in München. Heinz Weiss synchronisierte sich in sechs Cotton-Filmen selbst. In Dynamit in grüner Seide wurde er von Karlheinz Brunnemann gesprochen, in Todesschüsse am Broadway war es Jürgen Thormann.
Richard Münch als Mr. High

Richard Münch (re.)
(10.01.1916 - 05.06.1987)
Richard Münch gehörte lange Jahre zu den meistbeschäftigten Kinoschauspielern in Deutschland. In Frank Wisbars Hunde, wollt ihr ewig leben (1958) war er der Oberst Kesselbach; im Wallace-Film Das Gasthaus an der Themse war er Gerichtsmediziner- und der "Hai", der Oberschurke des Films. Daneben wirkte Münch auch in internationalen Streifen mit, u.a. in Der längste Tag (1962), Die Brücke von Remagen (1968) oder auch in Patton- Rebell in Uniform (1969). Seit 1949 sprach er auch synchron, so z.B. John Wayne in Der schwarze Reiter, Jon Hall in Ali Baba und die vierzig Räuber, Paul Kelly in Ein Mann der Tat oder Philippe Clay in Natalie. Richard Münch spielte bis zum Fall Nummer fünf, Der Mörderclub von Brooklyn Mr. High, den Vorgesetzten von Cotton und Decker. In vier Filmen synchronisierte er sich selbst, in Die Rechnung- eiskalt serviert wurde er von Thomas Reiner gesprochen.

Alle Bilder auf dieser Seite wurden der IFB Nr. S 7091 entnommen.